Auch wenn der Februar schon lange vorbei ist, möchte ich hier noch einen Bericht
nachreichen, den ich anlässlich unserer Hebronexkursion geschrieben habe:
Am Morgen des 8.02.08 machten wir uns in Begleitung von zwei Mitgliedern einer Menschenrechtsorganisation auf den Weg nach Hebron. Nicht nur die ergangenen Warnungen vor einer Begegnung mit aggressiven Siedlern zeigten uns, dass diese Exkusion nicht wie alle anderen werden sollte. Wir waren alle sehr gespannt auf diese Stadt, in der wie in vielen Städten Israels auch, die Religion für politische Zwecke mißbraucht wird. Einen ersten kurzen Halt machten wir auf der Siedlerstraße Richtung Hebron. Hier in einem fruchtbaren Gebiet machte uns unsere Führerin auf das Schicksal von 5 palästinensischen Dörfern aufmerksam, die durch den Bau der Mauer abgeschnitten worden sind. Der einzige Weg nach Betlehem führt durch einen Tunnel, der unter der Mauer verläuft und jederzeit wieder verschlossen werden kann. Wie auch sonst fordert auch hier der Mauerbau seine Opfer: fremdes Land wird annektiert, damit landwirtschaftliche Fläche entzogen und folglich die Lebensgrundlage bedroht. Hinzu kommt ohnehin, dass landwirtschaftliche Produkte aus den palästinensischen Gebieten nicht nach Israel importiert werden dürfen. Aber das nur am Rande.
Nachdem wir den Kontrollpunkt der Siedler passiert und ein Stück durch die jüdische Siedlung Quiryat Àrba gefahren waren, die direkt östlich an Hebron anschließt, hielten wir am Grab von Baruch Goldstein von dem gleich die Rede sein wird. Die Siedlung selbst wurde erst 1968 auf einen Vorschlag Allons hin aus sicherheitspolitischen Erwägungen in Betracht gezogen. Bereits 1970 wurde die Errichtung dieser Siedlung in der Westbank von der Knesset genehmigt und in Auftrag gegeben, so dass bereits 1971 die ersten 50 Familien dort einziehen konnten. Bis heute hat sich diese Siedlung weiter ausgedehnt. Am erwähnten Grab von Goldstein wurden wir in den Februar 1994 zurück versetzt. Damals tötete Baruch Goldstein, Mitglied der „Jewish Defense League“, innerhalb der Moschee der Machpelah-Höhle 29 Männer bevor er selbst getötet wurde. Mit dieser Tat löst er eine neue Kette der Gewalt in Hebron aus, der 26 Palästinenser und 9 Israelis zum Opfer fielen. Goldstein selbst wird heute wie ein Heiliger verehrt, was durch die folgende Grabinschrift sichtbar wird: „ Hier liegt der Heilige, Dr. Baruch Kappel Goldstein. Gesegnet sei die Erinnerung an den Gerechten und heiligen Mann. Möge Gott sein Blut rächen, der seine Seele den Juden widmete, der jüdischen Religion und dem jüdischen Land. Seine Hände sind unschuldig und sein Herz ist rein. Er wurde umgebracht als Märtyrer Gottes am 14.Adar, Purim, im Jahr 5754 (1994)“. Auch wenn auf den Knessetbeschluss hin, dass Gräber von Attentätern nicht verehrt werden dürfen, der umliegende Park zerstört wurde, so muss das Unverständnis über eine solche Verfälschung und einseitige Auslegung von geschehener Geschichte auf diesem Grabstein bleiben. Begleitet von zwei Siedlern, die uns unablässig beobachteten und Photos von unserer Gruppe machten setzte sich die Fahrt in die Altstadt von Hebron zur Machpelah-Höhle fort. Nach Gen 23 hat Abraham selbst die Höhle als Grab für seine Frau Sarah erworben. Neben Mamre und der Tatsache, dass Hebron einst die Hauptstadt Davids war, ist es wohl dieser Ort, der die religiös-nationalistischen Siedler nach Hebron als Begräbnisort der Erzväter getrieben hat. Streitigkeiten um diesen Ort, der auch von den Moslems verehrt wird, endeten in eine Teilung desselben. Während der Teil der Höhle mit den Gräbern von Isaak und Rebekka eine Moschee und von den Moslems erreichbar ist, sind die Gräber von Abraham, Sarah, Jakob und Lea mittlerweile in jüdischer Hand. Der ganze Bereich ist weiträumig vom israelischen Militär abgeschirmt und kontrolliert. Von diesen ersten Erlebnissen bedrückt setzten wir unseren Weg in Richtung der vier kleinen jüdischen Siedlungen Avraham Avinu, Beit Romano, Beit Hadassah und Tel Rumeida, die mitten in der palästinensischen Altstadt stehen, fort. Bereits 1968 liessen sich 60 Juden unter einem Vorwand in Hebron nieder und weigerten sich die Stadt wieder zu verlassen. Elf Jahre später gelang es einer Gruppe von 40 Frauen und Kindern sich im ehemaligen Krankenhaus Beit Hadassah anzusiedeln. Nach der Ermordung eines Siedlers im Januar 1981 besetzen weitere Siedler in der Nähe der Machpelah-Höhle fünf leerstehende Häuser, die fortan Avraham Avinu genannt werden. Ebenfalls 1981 zieht eine Jeshiva nach Beit Romano und 1986 beginnt auch der Siedlungsbau in Tel Rumeida. Seit Beginn der illegalen Niederlassung jüdischer Siedler ist die Gewalt nicht mehr zum Ende gekommen – sowohl von jüdischer wie von palästinensischer Seite. Die Siedler sind bis heute davon überzeugt, dass ganz Palästina den Juden von Gott gegeben sei. Demnach sehen sie den Staat Israel als Verkörperung des Willens Gottes, den es in seiner ganzen verheißenen Größe umzusetzen gilt – und das notfalls mit Gewalt. Um die Auseinandersetzungen zu unterbinden, wurde Hebron 1997 in zwei Zonen eingeteilt. In H1, 18 qkm groß, leben 120000 Menschen unter palästinensischer Hoheit. In H2, 4,3 qkm groß, dem ehemaligen Geschäftszentrum der Stadt leben 30000 Einwohner unter israelischer Militärhoheit. Das Militär ist nach wie vor mit einer großen Präsenz vertreten, um die Siedler zu schützen. Bei Übergriffen von Siedlern auf Palästinenser sehen sie oft tatenlos zu. Zu den Folgen solcher Schutzmaßnahmen gehören nicht selten Ausgangssperren, Verhaftungen, Schließung von Straßen, Kontrollen usw. Was das wirklich für die Einwohner von Hebron bedeutet, wird uns mit einem Gang durch die Shuhada-Street, der einstigen Geschäftsstraße Hebrons, deutlich. Wegen der nahegelegenen Siedlungen ist diese Straße für einheimische Palästinenser gesperrt. Wenn diese das Haus verlassen wollen, bleibt ihnen nur der Weg über ihre Dächer offen. Während ihrer Abwesenheit sind sie bleibend von der Angst geplagt, dass Siedler ihr Haus besetzten könnten. Doch nicht nur die Zugänge zur Straße sind verschlossen, sondern auch sämtliche Läden. Die ehemals belebt Marktstraße ist wie leer gefegt und verstummt. Viele Geschäfte reihen sich aneinander – doch ohne Waren und Kunden. Ihre Türschlösser sind zugegossen. Ein solches Bild des Grauens wird noch durch ein Siedlerplakat überboten, das die Altstadt zu jüdischem Besitz erklärt. Immer wieder wird von Seiten der Siedler an die Vertreibung und Ermordung von Juden aus Hebron im Jahr 1929 erinnert, um ihr hartes Vorgehen zu rechtfertigen. Ihrer Ansicht nach holen sie sich lediglich den Besitz zurück, der ihnen eh schon gehörte. Unterhalb von Tel Rumeida, im Haus von Hashem, einem Palästinenser, sehen wir wie sich eine Siedlung langsam ausdehnt. Zu Beginn werden Wohncontainer aufgestellt, der bald Häuser folgen. Auf die direkten Nachbarn wird ein regelrechter Psychoterror ausgeübt, um sie von ihrem Besitz zu vertreiben. Hashem erzählt wie die Siedler ihren Müll in seinen Garten werfen, seine Frau und Kinder schlagen, seine Ölbäume mit der Ernte vernichten, mit Steinen werfen, Drohrufe ausstoßen, bei Nachbarn die aufgebrochenen Häuser demolieren und Fensterscheiben einschmeißen. Das vieles der Wahrheit entspricht, zeigen selbstgedrehte Videos, die uns vorgeführt werden. Nicht nur sie vermitteln uns den Eindruck, dass das Leben in dieser Stadt von intolerantem Hass bestimmt ist, der ein Zusammenleben – das es übrigens über viele Jahrhunderte zwischen Moselms und Juden hier gegeben hat – unmöglich macht. Wir mussten erkennen, dass diese Stadt ein Opfer des religiösen Fanatismus geworden ist. Es bleibt die offene Frage, warum der israelische Staat dagegen nichts tut. Die Räumung der Siedlungen würde nicht nur das Konfliktpotential verkleinern, die eigenen Soldaten vor psychischen Schäden bewahren und das Leben für die Einheimischen wieder erträglicher machen, sondern auch viel Geld sparen, das momentan für die Sicherheit der Siedler benötigt wird. Doch vermutlich ist einerseits die Lobby der Siedler in Regierungskreisen und andererseits die Angst vor einem aufbrechenden „Bruderkrieg“ so groß, dass vorerst lieber an der momentanen Siedlungspolitik festgehalten wird. Von den einzelnen Berichten, Bildern und Erfahrungen bewegt und von der ausweglosen Situation erschüttert, machen wir uns auf den Rückweg zum Bus. Bei vielen klingen dabei immer wieder die Worte aus Lev 19, 33 f. in den Ohren, die eigentlich auch den nationalreligiösen Siedlern bekannt sein müssten: „Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der HERR, euer Gott.“
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen