Samstag, 9. Februar 2008

Dezember und Januar im heiligen Land

Obwohl das Weihnachtsfest nun schon seit längerer Zeit vorbei ist, möchte ich euch dennoch nachträglich einen Einblick in meine vielen Erlebnisse geben, die ich hier mitnehmen durfte. Denn neben unserem lateinischen Festtagen durfte ich auch noch das orthodoxe Fest am 6.01., sowie das Tauffest am Jordan miterleben.
Erfreulicher Weise hatten wir über Weihnachten zwei Wochen Vorlesungspause und damit genügend Freiraum, diese Stadt und das ganze Land mal wieder ohne Lerndruck und Zeitmangel sehen zu können. Vor dem heiligen Abend ist es mir sehr schwer gefallen, hier in der Fremde das herannahende Weihnachtsfest innerlich auch zu verspüren. Nichts, was sonst immer wichtige Punkte der Adventszeit für mich gewesen waren, hatte ich in diesem Jahr hier in Jerusalem. Sowohl die geschmückten Straßen (im letzten Jahr Tübingens), die Weihnachtsstimmung, der wunderbare Stollen meiner Mutter und nicht zuletzt auch das häusliche Weihnachtszimmer mit Tannenbaum, Adventsstern, und anderen Dingen fehlten mir hier sehr. Denn während für uns lateinische Christen die Feiertage immer näher rückten, ging hier das Leben ohne Unterlass und in seinem Alltag weiter. Doch vieles änderte sich dann doch am heiligen Abend. Nachdem ich mit einigen Freunden in T-Shirt und Schlappen den Weihnachtsbaum zurecht schneiden und aufstellen durfte, freuten wir uns auf das gemeinsame Festessen an langen Tafeln am Abend in unserem Vorlesungssaal. Den ganzen Tag über hatten wir mit viel Hingabe versucht, die Räume so weihnachtlich wie möglich zu gestalten und das Weihnachtsoratorium durfte natürlich auch nicht fehlen. Endlich gegen 22.00 Uhr war es dann soweit, so dass ich mich mit einigen anderen auf den Weg in die deutschsprachig-lutherische Erlöserkirche machte, um den Weihnachtsgottesdienst mitzufeiern. Obwohl ich absolut erstaunt war, glich dieser doch unseren Gottesdiensten im heimatlichen Deutschland: der Kirchenraum war bis auf den Fußboden mit Menschen belegt, wovon die meisten säkulare junge Israelis waren, die sich diese christliche Attraktion nicht entgehen lassen wollten. Insgesamt war dieser Stunde am Weihnachtsabend sehr berührend für mich, zumal ich die altbekannten vertrauten Weihnachtslieder nun auch in Jerusalem mit Orgel und Trompetenbegleitung singen durfte und mich die ganze Stimmung sehr an zu Hause erinnerte. Nach Ende des Gottesdienste sollte aber der Abend noch nicht vorbei sein. Denn gegen 3.00 Uhr in der Nacht haben wir uns in einer kleinen Gruppe zu Fuß auf den Weg nach Betlehem gemacht, um wie die Hirten „die Geschichte zu sehen, die da geschehen ist“ (Lk 2, 15). Auch wenn ich nach dem nächtlichen Marsch etwas erschöpft war und wir relativ wenig Zeit hatten, um vor Ort wirklich zur Ruhe zu kommen, hat sich dieser Weg sehr gelohnt. Der obige Vers aus dem Lukasevangelium hat mich die ganze Zeit innerlich begleitet und mich persönlich sehr stark die Rolle der Hirten nachvollziehen lassen: am meisten ergriffen war ich von der Tatsache, wie aus Leuten, die ein beschwerliches Dasein führen durch die nächtliche Begegnung mit dem kleinen Kind in der Grippe fröhliche Menschen und Boten dieser wunderbaren Nachricht werden.
Doch das sollte nicht mein letztes Weihnachtserlebnis werden. Bereits m 6.01. war ich wiederum mit einigen anderen in Betlehem, um ein wenig vom orthodoxen Fest mitzuerleben. In aller Frühe in der Geburtskirche angekommen, waren wir zuerst Gäste einer katholischen Messe auf arabisch in der Geburtsgrotte. Auch danach war die Kirche nur von wenigen Gläubigen besucht und relativ ruhig. Auch wenn wir nach einiger Zeit auch noch einen Gottesdienst der griechischen Orthodoxen am Hauptaltar und parallel dazu einen Gottesdienst der Kopten am Nebenaltar miterleben durften. So sehr die Vielfalt des Christentums mich auch diesmal wieder berührte, so bedrückend habe ich sie doch empfunden. Tief frustriert hat mich, dass selbst an diesem Feiertag – der daran erinnert, dass der Heiland für alle Welt gekommen ist – ein gemeinsames Feiern dieses großen Wunders aufgrund der konfessionellen Spaltung undenkbar ist. Mehr und mehr trage ich mit mir seitdem die brennende Frage herum, ob wir auf diesem Weg ein gutes Zeugnis vor der Welt als Christen abgeben. Vermutlich wäre ich in dieser traurigen Haltung wieder nach Hause gefahren, wenn ich nicht noch Zeuge eines großen Umzugs in der Innenstadt gewesen wäre. Von großer Militär- und Polizeipräsenz umschirmt, zogen hintereinander verschiedene Spielmannszüge durch die Straßen. Alle waren mit bunten Uniformen, Trommeln und (zu meinem Verwundern) Dudelsäcken ausgestattet. Was sie jeweils unterschied war lediglich ihre Konfession, denn jeder Zug repräsentierte eine kirchliche Gemeinschaft: Zuerst kamen die Griechen, dann die Katholiken, Kopten und zuletzt die Syrer, die gleich ihren Patriarchen mitbrachten. Dieser wurde von allen gemeinsam zur syrischen Kirche in Betlehem begleitet – ein schönes Zeichen der Ökumene, das die vorherigen negativen Erlebnisse etwas relativierte.
Als drittes durfte ich am 19.01. beim diesjährigen Tauffest am Jordan mit dabei sein. Eigentlich nicht ungewöhnliches für einen Außenstehenden. Doch in Wirklichkeit sieht die Realität etwas anders aus: nur an diesem einen Tag ist der Zugang für die Christen direkt bis zum Jordan gestattet. Ansonsten ist er die abgeriegelte Grenze zwischen Jordanien und Israel. Deswegen war der Besuch auch für uns etwas besonderes. Neben uns kamen noch viele andere Christen zur Taufstelle. Die meisten, um einen syrischen Gottesdienst mitzufeiern und anschließend an den Jordan gelangen zu können. Wenn es von israelischer Seite aus schwieriger war, direkt an das Wasser zu gelangen, hatten die Gläubigen auf jordanischer Seite keine Einschränkung. Viele stiegen dort in weißen Taufkleidern zur Tauferinnerung in das schmutzige Jordanwasser hinab. Wie viele andere Situationen, war auch diese wiederum für Israel typisch: schwer bewacht von Militär und Polizei wurde am Jordan ein großes Volksfest mit Gottesdienst, Spielmannszug, Fröhlichkeit, Picknick gefeiert. Für mich als immer noch von außen Wahrnehmenden befremdlich und schön zugleich. Die Photos werden das vermutlich deutlich machen.....