Nachdem ich schon lange keinen aktuellen Bericht mehr verfasst habe, will ich die nächtliche Zeit vor unserer nächsten Exkursion in den Norden Israels nutzen. Seit meinem letzten Post habe ich vieles erlebt, was ihr an meinen Bildern sehen könnt.
Anfang Oktober haben wir eine 10tägige Sinai-Tour in Ägypten gemacht. Für mich als leidenschaftlichen Wanderer eine geniale Sache, weil wir viel mit dem Rucksack in der Gegend unterwegs waren. Die nötigsten Sachen hatten wir immer dabei, ob Zahnbürste, oder Schlafsack. Denn für diese 10 Tage sollte der freie Himmel unser Zelt und zu Hause sein. Dazu zählte auch, dass wir uns während dieser Zeit nicht waschen konnten. Eine Erfahrung, die auch nicht schlecht gewesen ist und uns gezeigt hat, auf wieviel der Mensch im Ernstfall doch verzichten kann. Auch die Tagesverpflegung und natürlich ausreichend Trinkwasser mussten wir mitschleppen, wobei uns zwei Kamele die schwersten Sachen und den restlichen Proviant abgenommen hatten. Unser Ausgangslager war das sogenannte Fox Camp in der Nähe des Katharinenklosters im Südsinai. Von hier aus unternahmen wir einige Tagestouren (z.B. Moseberg). Doch am besten und eindrücklichsten war einfach unsere Tour über 4 Tage durch die Umgebung des Klosters mit etlichen Gipfelbesteigungen. Geführt wurden wir während dieser Zeit von zwei Israelis, die beide seit vielen Jahren den Sinai und seine Bewohner, die Beduinen, kennen. Sie haben uns unterwegs viel über die Lebensweise, die Kultur, die Herausforderungen der Neuzeit und vieles weitere über die einzelnen Stämme erzählt. Die Gegend war insgesamt sehr karg und felsig, also kaum zu vergleichen mit den Alpen bei euch in der Heimat. Und doch stießen wir in regelmäßigen Abständen immer wieder auf Gärten (Bustan), die blühende Oasen in einer sonst lebensfeindlichen Landschaft darstellten. Sie sollten uns während der Tour nicht nur als Nachtlager dienen, sondern auch als Wasserspender für den Tagesbedarf. Ich durfte hier so deutlich wie nie zuvor merken, wie elementar und absolut lebensnotwendig doch Wasser sein kann. Auf alles hätten wir zur Not verzichten können, nur nicht auf das Wasser. Es ist und bleibt das Element, das sogar in dieser Steinwüste Blumen, Bäume, Pflanzen und sogar Früchte hervorkommen und wachsen lässt. Es war interessant zu erfahren, wie ich von Tag zu Tag mehr mit der Natur eins geworden bin und mich ihrem Rhythmus angepasst habe. Schritt für Schritt geht es nur voran – mit vielen Anstrengungen aber auch überwältigender Schönheit verbunden. Zwischen diesen Bergen und Gottes ganzer herrlicher Schöpfung wird auf einmal der Mensch verschwindend klein und unbedeutend. Er ist Wind und Wetter ausgeliefert und muss, wenn er überleben will, sich der Natur anpassen. Vermutlich ein Gedanke, den wir in unserer westlichen Welt schon längst aufgegeben haben.
Insgesamt gesehen kehrten wir am Ende dreckig, fertig, aber erfüllt mit vielen Eindrücken nach Jerusalem zurück. Und natürlich mit der Lust, bald mal wieder die Wanderschuhe zu schnüren.
Eine weitere prägende Exkursion mit vielen neuen Erlebnissen war eine Rundfahrt an der Sicherheitsmauer, die Jerusalem umgibt. Diese an vielen Stellen 8m hohe Mauer wird von den Israelis auch gerne „Schutzmantel“ genannt, obgleich das ihrem wirklichen Erscheinungsbild spottet, wie ihr auf den Bildern sehen könnt. Ich für meinen Teil bin auch nach der Rundfahrt nicht zur Ruhe gekommen und bis heute innerlich betroffen. Vermutlich einerseits weil ich als Ossi selbst noch wenig und unbewusst die innerdeutsche Mauer erlebt habe und weiss, was eine solche feste Grenze für Einschränkungen mit sich bringt. An vielen Stellen ist die Mauer so errichtet worden, dass sie ein Dorf in zwei Hälften, oder ein Haus von einer dazu gehörenden Werkstatt trennt. Nicht selten liegen auch die Gärten vieler Bauern jetzt jenseits der Mauer, die sie nicht erreichen können. Entschädigungszahlungen gab es hier nicht. Statistisch ist die Mauer fast vollständig auf dem Gebiet der Westbank errichtet worden und nicht auf der Grenzlinie von 1967. Obwohl der Grenzverlauf nur 315 km lang ist, hat die Mauer eine Ausdehnung von über 700 km. Das verdeutlicht den israelischen Anspruch auch noch in der Westbank gelegene jüdische Siedlungen mit der Mauer zu umgeben und dadurch Land zu gewinnen. Das Leben wird für die palästinensische Bevölkerung dadurch sehr erschwert. Egal ob ein Krankenhausbesuch, die Arbeit, der Besuch bei Verwandten – fast alle Bereiche des öffentlichen Lebens sind davon mitbetroffen. Doch wohl mit das schlimmste ist, dass diese Mauer vollendete Tatsachen schafft und einem Frieden entgegen wirkt. Denn durch sie wird ein gesunder Austausch und ein Miteinanderleben von Israelis und Palästinensern unmöglich gemacht, der eine Grundlage für gute Beziehungen sein könnte. Andererseits kann ich aber auch das israelische Angstbewusstsein verstehen und die Sorge, jeden Tag von einer Bombe getötet zu werden. So unschön es klingt, aber durch den Mauerbau sind die Anschläge in Israel von Terrorgruppen stark zurück gegangen. Es bleibt nur die Frage nach der Dauer dieses Zustands. Im Ganzen war dieser Tag eine sehr frustrierende Erfahrung und lässt mehr Fragen offen, als ich dachte. Eine innerliche Positionierung ist für mich bis jetzt unmöglich und sehr schwer. Sowohl von israelischer als von palestinensischer Seite aus, ist die Situation zu verstehen. Doch wo liegt die Mitte und ein neuer Ansatz? Werden auch hier wie in Leipzig Gebete und Kerzen helfen, wie eine jüdische Frau ihre Hoffnung mir gegenüber formulierte?
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