Nach fast vier Wochen wird es Zeit, dass ich mal wieder etwas von mir aus Israel hören lasse. Rückblickend sind die Tagen aufgrund der vielen Erlebnisse und neuen Eindrücke wie im Flug vergangen. Hier im Haus und in der Abtei habe ich mich gut eingefunden. Die Gemeinschaft unter uns Studenten und auch der Studienleitung ist bis jetzt sehr gut und von Offenheit geprägt. Wann immer die Zeit es erlaubt, unternehmen wir etwas zusammen – egal ob das ein Basarbummel, eine Besichtigungstour oder einfach nur eine Wasserpfeife mit Bier auf unserer Dachterrasse ist. Auch das Verhältnis zu den Benediktinern ist gut. Viele von uns nehmen im Studienalltag gerne das Angebot der Tagzeitengebete als Zeiten der Ruhe und Besinnung an. Allerdings merke ich schon jetzt, dass die Gefahr besteht, sich schnell an Allem genüge sein zu lassen und ansatzweise ein „Ghetto-Leben“ zu führen. Deswegen ist es um so wichtiger, die freie Zeit zu nutzen, um bewusst das Haus zu verlassen und Kontakt zu Land und Leuten zu suchen. Dabei bin ich in letzter Zeit immer wieder mit kuriosen Situationen konfrontiert worden, die Beispiele für dieses vielseitige, religiös wie politisch gespaltene, interessante und lebendige Land sind. Da sind zum Einen junge Soldatinnen (für alle Frauen gibt es eine Wehrpflicht von 2 Jahren), die ein dickes Gewehr auf dem Rücken tragen und gleichzeitig wie z.B. andere Frauen in ihrem Alter bei uns in Deutschland an einem Schmuckstand stehen und sich Ohrringe aussuchen. Oder besser noch als Nachtstreife in der Altstadt ihre Gewehre zur Seite legen, um dafür auf dem Boden zu sitzen, Gitarre zu spielen und die neuesten Popsongs zu singen. Zum Anderen sind das Gespräche mit Israelis auf der Straße oder nach dem Synagogenbesuch, die in großer Freundlichkeit und Offenheit auf uns zugehen und Fragen stellen. Erst gestern bin ich vor der Klagemauer einem alten Herrn begegnet, der uns ansprach als er merkte, dass wir Deutsche sind. In gutem deutsch erklärte er uns, dass auch er als kleiner Junge in Süddeutschland lebte und stellte Rückfragen, wie wir Israel erleben und was wir hier machen. Aus allen diesen persönlichen Begegnungen bin ich neben aller Freude nicht ohne ein Gefühl von Scham gegangen. Gerade hier wird mir mehr und mehr bewusst, was wir als Deutsche gegenüber den Juden für Schuld auf uns geladen haben und es ist beschämend von dieser großen Freundlichkeit entwaffnet zu werden anstatt Hass zu ernten. Als Drittes bin ich von der gelebten und lebendigen Frömmigkeit der Juden fasziniert und angesteckt worden, die ich schon mehrfach an der Klagemauer zum Schabbatbeginn oder gestern zu Rosch HaSchanah (Neujahrsbeginn) erleben konnte. Während bei uns in Deutschland meistens nur die Frauen in die Gottesdienste kommen und die Gemeinden beleben, scheint es hier fast umgekehrt oder zumindest ausgewogen zu sein. Es ist beeindruckend, wenn 200 Männer gleichzeitig singend und tanzend zum Schabbatbeginn zur Klagemauer ziehen, das Schofarhorn erschallt und dort gemeinsam mit vielen anderen zu beten beginnen. Alle Schattierungen sind hier anzutreffen: amerikanische Juden mit deutlichem Akzent und europäischem Aussehen, russische Juden mit langen Mänteln und räderähnlichen Hüten auf dem Kopf und natürlich orthodoxe Juden mit ihren Schläfenlocken und langen Bärten. Schon jetzt musste ich mein bisheriges Bild von einer steifen jüdischen Gesetzesreligion bei dieser erfahrenen Freude und Lebendigkeit fallen lassen. Neben dem Einblicken in das jüdische Leben durfte ich ebenso ein wenig die palästinensische Lebensweise kennenlernen. Letzten Sonntag waren wir mit einer kleinen Gruppe beim Oktoberfest – auch das gibt es hier – in Taibeh, das in der Westbank liegt. Taibeh ist nicht nur der einzige Ort, der absolut von christlichen Arabern bewohnt wird, sondern auch der einzige, der Bier braut und damit nicht wenig Erfolg hat (allerdings bei weitem nicht so gut wie das Bier aus der Heimat, das ich umso mehr vermisse...). Auch hier wurden wir sehr warmherzig und mit einer großen Freundlichkeit empfangen, obgleich das Oktoberfest eher einem Volksfest glich.
- doch soweit zu einigen Eindrücke aus der letzten Zeit. Weil es jetzt zu weit gehen würde, auch noch auf die schwierigen politischen Verhältnisse einzugehen, will ich das gerne auf den nächsten Post verschieben. Euch allen grüße ich herzlich aus Jerusalem und wünsche euch nach jüdischer Zählweise ein gutes neues Jahr.....
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3 Kommentare:
Cool mal wieder Neuigkeiten aus Israel zu hören! "Eia wärn wir da..." :-)
Wann gehts los in den Sinai?
Viel Spaß weiter!
Weiter so, Georg, ich habe jetzt auch Skype. Hoffe, dir geht es gut...
prima, dass auch einige von euch blogs haben! deins is schön geschrieben, gut zu lesen, unterhaltsam, aber gleichzeitig ernsthaft und ausgewogen. freut mich! aber bitte mach doch ein paar mehr absätze... ;)
gruß, helge
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